Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand
30. November 2008Der Artikel der WirtschaftsWoche mit dem Titel „Web 2.0: Der Wettlauf ums Überleben hat begonnen“ ist absolut lesenswert für alle, die das Thema Finanzkrise und deren Auswirkungen auf das Web 2.0 interessiert.
Als Schlagwort sei als erstes der „nukleare Winter“ genannt, den Internetpionier Marc Andreessen heraufziehen sieht. Andreessen, der Mitte der Neunzigerjahre den Internet-Browser Navigator entwickelte, sieht in der momentanen Situation Ähnlichkeiten zum Jahr 2000, als schließlich die Dotcom-Blase platzte und eine Vielzahl von Internet-Firmen bankrott gingen. Auch im Web2.0 ist ein Gründungshype zu beobachten - allein in den USA gibt es rund 400 soziale Netzwerke – weshalb damit gerechnet werden muss, dass diesem Hype angesichts der Finanzkrise ein natürlicher Dämpfer verpasst wird.
Als Hauptgründe für den „Dämpfer“ werden angeführt: Gekappte Werbe- und Technikbudgets, verängstigte Konsumenten, vorsichtig gewordene Wagnisfinanzierer und bebende Börsen. Wahrlich keine gute Kombination, um im Netzt langfristig Fuß zu fassen. Erst recht nicht, wenn das größte Problem der Web 2.0-Firmen weiterhin ungelöst bleibt: Wie kann im Web 2.0 Geld verdient werden?
Das Hauptproblem der Web 2.0-Firmen führt auf direktem Weg zu deren Geschäftsmodellen. Die meisten Internetunternehmen bieten ihre Dienste gratis an und refinanziere sich durch Werbung, Dass dieses Geschäftsmodell auf Dauer nicht funktionieren kann, ist mittlerweile beim Gros der Unternehmer angekommen. Martin Weingart führt pünktlich zur Wirtschaftsflaute auf netzwertig.com eine Debatte zur Kostenloskultur im Netz.
Hier seien nun einmal die zwei Hauptstrategien – nämlich das werbebasierte Geschäftsmodell und das sogenannt Freemium-Modell gegenübergestellt:
Werbebasiertes Geschäftsmodell (Gratisangebote für User)
Internetseiten, die ihre Angebote gratis zur Verfügung stellen (z.B. StudiVZ) haben den Vorteil, dass die sehr schnell wachsen und von der steigenden Nutzerzahl, die sich aus Netzwerkeffekten ergeben, profitieren. Die starken Reichweiten sind für Werbetreibende das ausschlaggebende Argument, ihre Werbung auf diesen Seiten zu platzieren. Das werbebasierte Geschäftsmodell birgt jedoch offensichtlich eine Gefahr: in konjunkturellen Flauten, in denen Werbespendings in der Regel verringert werden, steht die Refinanzierung auf sehr wackligen Beinen.
Freemium-Modell
Die Betreiber von Internetseiten gehen mehr und mehr dazu über, nicht mehr alle Angebote kostenlos zur Verfügung zu stellen, sondern sogenannte Premium-Angebote anzubieten, die den Nutzern einen echten Mehrwert bieten, für den sie jedoch bezahlen müssen. Paradebeispiel sei an diese Stelle Xing: Laut WirtschaftsWoche hat von den rund 6,5 Millionen Kunden inzwischen mehr als eine halbe Million ein Premiumabo für monatlich 5,95 Euro abgeschlossen – 20 Millionen Euro flossen so seit Januar in die Kassen. In den ersten neun Monaten verbuchte Xing einen Gewinn von 4,72 Millionen Euro. Zwar nimmt man in Kauf, dass das Netzwerk langsamer wächst, dafür steht man wirtschaftlich eindeutig auf stabileren Beinen.
Der Zwang, sich Alternativen zu einem ausschließlich werbebasierten Geschäftsmodell zu überlegen, wird umso dringender, wenn man sich verdeutlicht, was die WirtschaftsWoche zum Online-Werbemarkt der USA schreibt, der als der am weitesten entwickelte Online-Werbemarkt gilt: 80 Prozent des Online-Werbekuchens stammen von Autofirmen, Banken und Reiseanbietern – alles Branchen, die von der Wirtschaftsflaute besonders heftig betroffen sind.
Auch Web 2.0 Guru Tim O’Reilly ist davon überzeugt, dass das Geschäftsmodell Werbefinanzierung ausgedient hat: Der Markt ist gesättigt und gibt aufgrund der Masse an Anbietern nicht genug her.
Liegt die Lösung möglicherweise im genauen Gegenteil? Andreas Hauenstein, Gründer des Lokalisten-Netzwerkes in München profezeit: „Vielleicht ist das ein Modell für die Zukunft, gegen Entgelt werbefreie Seiten anzubieten“. Die Krux an der Sache ist nur, dass es keinen Codex gibt, der anderen Internetunternehmen “verbietet“, ihre Dienste weiterhin kostenlos anzubieten. Somit scheint es unmöglich, dass Bezahlmodelle für jegliche Dienste eine erfolgsversprechende Möglichkeit sind. „Wir wollen nicht die Ersten sein, die damit scheitern“, resigniert daher (mit Sicherheit nicht nur) Hauenstein.
Tags: Freemium-Modell, Geschäftsmodelle
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